Warum wir tun, was wir tun und wie wir es tun

Von Peter Leppelt


Knapp drei Wochen ist die Veröffentlichung des Konzepts Qabel her. Es ist viel passiert seitdem und es ist viel an uns herangetragen worden – Zeit für einen kleinen Zwischenstand.


Was wir erreichen wollen
 

Details folgen weiter unten. In Kürze: Wir möchten eine Kryptoplattform, auf der beliebige Dienste dezentral laufen können und die immer und alles grundsätzlich Ende-zu-Ende verschlüsselt um Massenüberwachungen auf Knopfdruck etwas entgegnen zu können. Wir möchten ferner, dass dabei möglichst keine Kommunikationsmetadaten entstehen (wer hat von wo nach wo mit wem...), da der Anbieter grundsätzlich als kompromittiert und somit böse angesehen werden muss und dass diese Plattform von allen außer dem Militär und Geheimdiensten genutzt, verbreitet, modifiziert und angeboten werden darf.

Schließlich möchten wir, dass dieses Projekt nicht wie so viele andere zwischendrin stirbt, weil ihm das Geld ausgeht.

 

Mit wem wir uns dafür anlegen müssen

Qabel 2014

Kurz: mit eigentlich allen.

 

Die Reaktionen bis jetzt


Wir hatten fast ausschließlich positive Reaktionen. Die großen Themen wie Musikindustrie und Staaten werden mutmaßlich später noch kommen (kleiner Vorgeschmack ;-), aber bis jetzt haben wir von allen Seiten extrem viel Zuspruch bekommen; Unternehmen boten sich als Mitstreiter an, Freie Entwickler versuchen uns auf GitHub zu helfen, Privatleute melden sich einfach und wünschen uns Glück.


Die einzige Seite, von der bis dato Gegenwind kam, war sozusagen von uns selber. Von Datenschutzaktivisten und ganz vor allem von der Freie-Software-Gemeinde. Es waren die einzigen negativen Stimmen (wenn man mal von der etwas skeptischen, aktuellen c't absieht, was aber auch viel damit zu tun haben mag, dass die Redakteure nicht mit unseren Entwicklern sprechen wollten, die vielleicht die ein oder andere Frage hätten beantworten können), aber die dafür besonders heftig und teilweise ausfallend, weshalb ich darauf gerne näher eingehen würde.


Es gab aber natürlich auch von dieser Seite keinesfalls nur Kritik – wir haben auch hier sehr viel Unterstützung bekommen. Danke dafür!


Zunächst sei angemerkt, dass die Diskussionen komplett ohne uns stattfanden, da sie nicht mit sondern über uns auf diversen Mailinglists der einzelnen Organisationen stattfanden. Außer 2-3 Anfeindungen auf Twitter hat es niemand für sinnvoll erachtet, uns Dinge zu Fragen oder uns zumindest direkt die Meinung zu sagen.


Bevor nun der Vorwurf „Ihr hättet ja die ganzen unterschiedlichen Mailinglists abonnieren können, um auf dem Laufenden zu bleiben!“ kommt: na klar. Die Pläne zur Sprengung der Erde lagen ja schließlich auch lange auf Alpha-Centauri aus. Diskutieren kann man nur miteinander. Wird die gefühlte Gegenseite nicht mit einbezogen, ist es nicht diskutieren, sondern lästern.

Peter Leppelt Qabel 2014

Das Wenige, was uns dann schließlich gerüchteweise zugetragen wurde, lässt vermuten, dass wir aus „deren“ Sicht nicht die richtige Wortwahl trafen. Wir verwenden auf unserer Website direkt im ersten Absatz derzeit die Beschreibung „Qabel ist eine freie, quelloffene (dies aber nicht im Sinne der OSI) und erweiterbare Plattform“. In unserer FAQ, 2. Frage „Wie ist das mit der Lizenz?“ steht: „Qabel unterliegt der QaPL, einer eigens entwickelten quelloffenen Lizenz. Die QaPL ist weder nach den Standards der Free Software Foundation (FSF) noch nach den Standards der Open Source Initiative (OSI) als "Freie Software Lizenz" bzw. "Open Source Lizenz" einzustufen.“. Die QaPL selbst beginnt mit „The software "Qabel" is licensed under the QaPL, a specially developed proprietary license, which's source code is open. The QaPL can neither be classified according to the standards of the Free Software Foundation (FSF), nor to the standards of the Open Source Initiative (OSI) as "Free Software License" or "Open Source License" respectively.“


Das scheint aus Sicht der OSI und der FSF nicht zu reichen, um sich hinreichend abzugrenzen. Wir tun uns allerdings etwas schwer damit, einen geeigneteren Begriff zu finden, wenn die Wörter, die den Kern der Sache am besten beschreiben, unter ausschließlichem Nutzungsrecht anderer zu liegen scheinen. Unser Quellcode liegt offen, „Quelloffen“ ist uns aber verboten (wohlgemerkt: nicht juristisch). Unsere Software ist von jedem außer Militär und Geheimdiensten frei nutz-, erweiter-, modifizier- und anbietbar. Doch „Frei“ scheint ebenfalls schon weg zu sein.


Wir sehen nun diverse Optionen:

 

  1. Wir könnten „quelloffen“ in Klingonisch übersetzen, da die deutschen und englischen Wörter dafür ja für alle Zeiten untersagt zu sein scheinen. Oder um einen Tweet, der uns von OSI-Seite angedient wurde, zu zitieren: „The global Community agrees [the term 'open source'] indicates use of an OSI-approved free software license“. Die ganze Galaxie, ach was sage ich: das Universum versteht also „quelloffen“ wie „OSI-konform“. Also wird es vielleicht bald tlhab- oder Hal-poS-Software geben.
  2. Wir könnten einen Begriff prägen. Wir evaluieren gerade Zusammensetzungen wie „Ethical Software“ oder „Open Ethical Code“. Das ist zwar sicher bewertend, aber es spiegelt eben das wider, was wir tun wollen. Wir wollen Softwareprojekte generieren, die hohen ethischen Maßstäben genügen und der Menschheit ansonsten zur Verfügung stehen soll – und die dahinterstehenden Menschen befähigen, sie langfristig voranzutreiben.
  3. Wir könnten auch schlicht nichts tun, da wir der Überzeugung sind, dass die von uns gewählten Begrifflichkeiten am besten beschreiben, was wir tun.

 

Unsere Motivation


Nun scheint sich auch niemand unsere Lizenz, die QaPL, tatsächlich durchgelesen zu haben, da die meisten Kommentare, die zufälligerweise zu uns gelangten, genau nichts mit ihr zu tun haben sondern lediglich Standardreflexen entspringen („Sie ist nicht OSI-anerkannt und muss somit böse, unfrei und raubtierkapitalistisch sein. Außerdem schadet sie damit automatisch Freier Software. Und die Entwickler sind Satan.“). In den meisten Fällen scheint noch nicht einmal unsere FAQ durchgescannt worden zu sein, die das Thema selbstverständlich ebenfalls aufgreift.


Ich selbst nutze und bevorzuge seit 20 Jahren Freie Software. Unsere ganze Firma läuft auf OSS. Aber sie hat immer noch grundsätzliche Probleme:


Die allermeisten Projekte haben zu wenig Geld und zu wenig Antrieb, das Ganze nutzerfreundlich zu gestalten. Somit warte ich seit 20 Jahren auf den Durchbruch und glaube inzwischen nicht mehr, dass er mit dem derzeitigen System kommen wird – tatsächlich zeigt der Trend m. E. genau in die Gegenrichtung – die Systeme werden immer geschlossener.


Ich für meinen Teil empfände es als Katastrophe, wenn die Welt da Draußen immer geschlossener, immer unfairer eingeschränkt und immer zentraler würde. Insbesondere empfände ich es als Katastrophe, wenn es deswegen passiert, dass wir, die OSS-Verfechter, aufgrund von Glaubenskriegen daran Schuld sind. Ich empfehle an dieser Stelle übrigens dringlichst einen einschlägigen Podcast zu diesem Thema: Alternativlos #31.


Wir versuchen hier nun, einen dritten Weg zu finden. Nicht mehr und nicht weniger. Wir sind sicher nicht die Ersten, die das tun – aber dieser Weg erscheint uns vielversprechend. Und jemand sollte ihn ausprobieren.

Qabel Pressekonferenz 2014

Ich persönlich will, dass jeder Mensch jede Software zu beliebigen Zwecken nutzen, modifizieren, verbreiten und anbieten darf – ausgenommen diejenigen, die diese Freiheit erwiesenermaßen zum Schaden anderer missbrauchen. Wie beispielsweise das Militär und Geheimdienste. Inwieweit Letztere sich daran halten sei völlig dahingestellt: ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Statement wichtig ist (zudem müssen wir das laut unserer Satzung, die wir uns auferlegt haben, sogar tun. Das Ziel ist ohnehin sehr ambitioniert – das wissen wir. Aber wenn wir es schon versuchen, wollen wir auch möglichst wenig Einschränkungen dabei machen. Sollte es nämlich tatsächlich funktionieren muss es dann auch eine gute Lösung sein; bis zur Unkenntlichkeit verkompromisste Nicht-Lösungen gibt es da Draußen schon genug.


Ich will weiterhin, dass diese Software konsequent weiterentwickelt, gewartet und verbessert wird. Und dass die Menschen, die sich für diese Software verantwortlich fühlen, die all ihre Fähigkeiten, ihre Passion in sie einbringen, genau davon leben können, wenn andere diese Software offensichtlich benötigen, diese Software wollen, sie lieben. Dass sie sich nicht anderweitig ablenken müssen und somit der Weiterentwicklung schaden.


Diese Projekte müssen leben.


Und ganz vor allem will ich, dass wir eine gute, dezentrale, frei nutz- und einsehbare Cryptoplattform für beliebige Kommunikationsdienste, ja für das Internet haben, die eben nicht zum Schaden anderer missbraucht wird.


Was unsere Lizenz eigentlich tun soll


In Kürze: jeder kann, darf und soll Qabel nutzen, verbreiten, modifizieren oder anbieten. Sobald jedoch in irgendeiner Form damit Geld verdient wird, wird eine Gebühr an das Projekt fällig. Genau das versucht die Lizenz abzubilden.


Bietet beispielsweise ein Provider Qabel-Accounts an und fakturiert für den Speicherplatz, Backups, Support... eine entsprechende Gebühr, so fällt seinerseits wiederum eine solche an uns an.


Bietet irgendeine Organisation (sei es Firma, Verein, Kollektiv) oder auch Privatperson Qabelaccounts für lau an, ist das gut und kostet nichts – ganz ohne Willkürfaktor; die Lizenz ist an dieser Stelle eindeutig.


Sicherstellen wollen wir dieses Prinzip zum Einen mit der QaPL, zum Anderen mit der Patentierung des zugrundeliegenden Deaddrop-Protokolls, welches das einfache Nachprogrammieren und somit die Monetarisierung am Projekt vorbei verhindern soll. Nun ist den meisten von uns klar, dass das Patentsystem deutliche Pferdefüße hat und zudem der kontrollierenden Firma (uns) zu viel Macht gibt. Daher haben wir uns entschlossen, das Patent an eine gemeinnützige Organisation zu verschenken, sodass es allenthalben rechtssicher zur Verfügung steht; nur eben zu kommerziellen oder militärischen Zwecken nicht. Meinhard Starostik hat sich dafür freundlicherweise angeboten. Näheres zu ihm und seiner m. E. überaus spannenden, geplanten Organisation folgt in Kürze.


Was sonst noch so passierte


Jenseits vieler interessierter Unternehmen, Entwicklern, Studenten und vielen Bewerbungen (was uns ebenfalls sehr freut) gab es noch etwas Unerfreuliches: den PayPal-Incident. Kurz zusammengefasst hat uns PayPal am 12.6., also an dem Tag, wo Qabel in so ziemlich allen interessanten Medien war, die Möglichkeit, Spenden zu empfangen, abgeschaltet. Von etwa 9 Uhr morgens bis 18:40 Uhr war es nicht mehr möglich, unsere Crowdfundingkampagne auf Indiegogo zu unterstützen.


Wir hatten schon vorher Bauchschmerzen damit, eine Fundingplattform zu wählen, die nur PayPal als Zahlungsmethode anbietet, mussten aber aus Gründen(tm) so verfahren. Laut den Statistiken von Indiegogo über die gescheiterten Spenden sind uns dadurch zwischen 15.000 und 20.000€ entgangen.


Was jetzt passiert und was wir jetzt brauchen


Wir werden in den nächsten Tagen und Wochen permanent Neuigkeiten jeglicher Art veröffentlichen. Die technische Dokumentation wird auf GitHub veröffentlicht, die Einzelaufgaben hinsichtlich der Programmierung werden definiert und ebenfalls auf GitHub veröffentlicht, juristische Entwicklungen werden ggf. veröffentlicht.


Der nächste große Schritt wird eine auch für Normalmenschen gut benutzbare, öffentliche Betaversion sein. Wir hoffen, diese in etwa 3-4 Monaten starten zu können (ohne Gewähr). Wir sind jetzt in einem Stadium, wo wir die meisten Fehler bereits hinter uns haben und exakt wissen, was zu tun ist. Und wir sind mehr als bereit, es zu tun.


Das Crowdfunding ist Nebensache: Dieses Projekt wird durch uns unter allen Umständen vorangetrieben. Wenn die Kampagne scheitert, macht es das für uns etwas schwieriger - ein Showstopper werden wir das nicht werden lassen. Wir haben bis jetzt insgesamt etwa 200.000€ investiert und planen mit weiteren Investitionen in dieser Größenordnung bis zu einem ernsthaft benutzbaren Produkt. Mit dem Crowdfunding möchten wir zum Einen das Code-Auditing finanzieren, wenn wir soweit sind, und zum Anderen etwas Entlastung in diesem für eine kleine Firma wie uns (praemandatum hat etwa 20 Mitarbeiter) extrem großen Projekt erhalten.


Wir haben diesen frühen Veröffentlichungszeitpunkt trotz der Risiken gewählt, damit wir frühzeitig Mitstreiter auf möglichst vielen Ebenen finden und Diskussionen auslösen - was insgesamt auch gut funktioniert hat. Wir sind sehr offen für Vorschläge und Diskussionen jeder Art, auch in Bezug auf die Lizenz. Wir sind nicht offen für simple Anfeindungen, sinnlosen und aufreibenden Flamewars oder Möchtegernabmahnungen. Dafür haben wir zu Wichtiges zu tun.